Buchrezension “Kranke Geschäfte”

Rezension: Martin Rümmele, Kranke Geschäfte mit unserer Gesundheit

In einer Welt, in der alles ein Geschäft ist, ist folglich auch die Gesundheit der einen das Geschäft für die anderen. Freilich kommen beim Geschäft mit der Gesundheit noch besondere Aspekte hinzu, immerhin sitzt die Gesundheit wie nichts anderes auf der Welt so innig und tief in uns, wenn es uns gelingt, ihr Quartier zu geben. Folglich ist jede Diskussion über Gesundheit auch eine über unser intimstes Leben und über unsere Glücksvorstellungen.

Martin Rümmele geht diese Diskussion sehr umsichtig und, so gut es geht, sachlich an. Mit journalistischer Emsigkeit hat er Fakten zusammen getragen, die sich direkt oder indirekt auf das Gesundheitssystem beziehen.

Erster Eindruck: Gesundheit ist eine Ware, die sich heiß verkaufen lässt, wenn man sie nur heiß genug aufkocht. So ist die Verquickung von Beratern mit den Nutznießern eines Systems gerade im Gesundheitswesen sehr auffällig. Kommissionen setzen sich aus Experten zusammen, die ihrerseits wieder ihre Gesundheitsfirmen im Vorfeld der öffentlichen Einrichtungen platziert haben.

Ein richtiges Goldgräberdorf scheint sich um das Wieder AKH entwickelt zu haben. Drinnen ordinieren vormittags jene Ärzte, die sich die Kunden für nachmittags in die Privatordination vor den Toren des AKH überweisen. Auch die so genannten ethischen Überlegungen beim Klonen, Genmanipulieren oder Aufbauen eines biologischen Ersatzteillagers für kaputte Organe haben bei genauerem Hinsehen höchst irdische Richtlinien. Gerade die ethischen Großmeister haben oft nichts anderes im Sinn, als die Marktanteile ihrer eigenen Gesundheitsfirma zu sichern. Die hitzigsten Diskussionen laufen momentan zu Themen wie Selbstbehalt, privat oder Staat ab. Generell zieht sich der Staat zurück und überlässt seine mehr oder weniger maroden Untertanen wenigen Privaten, die längst Monopolstellung besitzen.

Martin Rümmeles Buch liest sich auch für den Laien wie ein Krimi, aber guter Ausgang ist möglich. Wie so oft sind Aufklärung und Information die ersten Schritte, etwas zum Positiven zu verändern.

Probleme sind nicht gottgewollt sondern selbst gemacht, heißt eine dieser hoffnungsvollen Analysen. Aufgeklärte Leser können also selbst gesund werden, wenn sie ihr Schicksal in die Hand nehmen, und das Gesundheitswesen kann generell gesünder agieren, wenn möglichst viele um die Zusammenhänge wissen.

Ganz traut der Autor offensichtlich seinen eigenen Ansichten noch nicht, deshalb hat er den ORF-Dichter Michael Köhlmeier, der in manchen Sparten das literarische Sendemonopol innehat, als Onkel und Paten mit einer elegischen Widmung zu Hilfe gerufen. Helmut Schönauer www.lesen.tsn.at

Martin Rümmele: Kranke Geschäfte mit unserer Gesundheit. Symptome, Diagnosen und Nebenwirkungen der Gesundheitsreform.
St.Pölten: NP 2005. 222 Seiten. EUR 19,90. ISBN 3-85326-370-4.

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